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Auf der Suche nach gesellschaftlicher Wirksamkeit und Legitimation haben viele künstlerische Initiativen ebenso wie sozialwissenschaftliche ForscherInnen den Anspruch entwickelt, den AdressatInnen des eigenen Schaffens, insbesondere sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen, zu einer wie auch immer definierten Handlungsermächtigung zu verhelfen (z.B. „partizipative Kunst“ oder „engagierte Sozialwissenschaft“)..

Das Spektrum der Einbeziehung „Betroffener“ in Forschungs- und Kunstprojekten reicht dabei von der Dokumentation von deren Erfahrungen und dem Versuch, ihnen „eine Stimme zu geben“, über die Anregung eigener künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeiten bis hin zu konkreten Interventions- und Unterstützungsmaßnahmen wie der Gestaltung von sozialen Räumen und Situationen. Der Begriff “Empowerment” verwenden wir also als Oberbegriff für eine Reihe von Orientierungen auf die Erweiterung der sozialen Möglichkeiten benachteiligter Gruppen mit dem Ziel einer gesellschaftlichen Demokratisierung. Das Projekt wird Wissen darüber entwickeln, wie Empowerment-Prjekte in Kunst und Sozialwissenschaft “funktionieren”, wie man sie professionalisieren und Fehler vermeiden kann. Dazu werden die beteiligten SozialwissenschafterInnen und KünstlerInnen nach einer Bestandsaufnahme der vorhandenen Positionen aus Literatur und eigener Praxis Projekte der je “anderen Seite” mir ihren Mitteln und Methoden untersuchen: SozialwissenschafterInnen führen vergleichende Fallstudien über Kunstprojekte mit den Methoden der Sozialwissenschaften durch, KünstlerInnen beobachten sozialwissenschaftliche Forschung, reflektieren und interpretieren deren Verfahren, Materialien und Befunde mit dem Ziel, theoretische und praktische Vorarbeiten für eigene Werke, Performances oder Interventionen in originären Kunstsprachen zu schaffen. Untersucht werden Entstehung, Verläufe, Folgen und kritische Verzweigungen solcher Projekte und die Dynamiken zwischen “professionellen”, “aktivistischen” und “beteiligten” Positionierungen. Die Untersuchungsfälle werden vorwiegend dem Themenbereich “Arbeitswelt” entstammen: Arbeit und Organisation, Prekarisierung, Arbeits- und Lebensbedingungen benachteiligter Gruppen, usw.

 

 

Andere aktivieren?
Fallstudien zu kunst-externen Wirkungen von sozial und/oder politisch engagierter Kunst

Nun ja, die Legitimation von Kunstschaffenden, außerhalb des eigenen Feldes gesellschaftliche Wirkungen zu erzielen oder gar kunstferne Gruppen über zielgerichtete Interventionen zu erreichen und zu aktivieren, stehe mitunter auf wackeligen Beinen, zumal es dafür ja spezialisierte Professionen wie etwa Sozialarbeit oder Journalismus gebe, um nur zwei zu nennen. Dies gestehen uns einige befragte KünstlerInnen ein, die sich dem Feld Kunst und soziale Praxis zuordnen lassen. Vor allem angesichts des Rückzugs öffentlicher Institutionen aus ihrer Verantwortung insbesondere für benachteiligte Gruppen, etwa im Zuge von Budgetkürzungen, orten die befragten KünstlerInnen jedoch einen steigenden Bedarf zur Abdeckung von Lücken bzw. zur Artikulation von Kritik. Außer engagierten Aktivisten aus der Zivilgesellschaft oder eben aus dem Kulturbereich sei kaum mehr jemand bereit, die Stimme gegen Ungerechtigkeiten zu erheben. Vor diesem Hintergrund hat in den letzten beiden Jahrzehnten eine inzwischen unüberschaubare Anzahl an künstlerischen Initiativen, die sich unscharf mit sozial oder/und politisch engagierte Kunst umschreiben lässt, das Aufzeigen und Bearbeiten von gesellschaftlichen Widersprüchen, Diskriminierung oder Intoleranz zum Leitmotiv der eigenen Aktivitäten erhoben.

Kunstprojekte mit dem Vorsatz, in Überschreitung der Grenzen des Kunstfeldes gesellschaftliche Wirksamkeit zu erzielen, vor allem in Genres wie der bildenden Kunst, Performance/ Theater oder Video/Film, sind häufig im „crossover“ zwischen den Stühlen angesiedelt: erstens zwischen einem weiterhin aufrecht erhaltenen Kunstanspruch bei gleichzeitiger Ambition auf eine Intervention in gesellschaftliche Praxen; zweitens zwischen Kritik/Störung auf der einen Seite des Spektrums und Sozialarbeit/Entstörung über Mittel der Kunst auf der anderen. Vornehmlich abseits der klassischen Kunstorte wird eine wie auch immer zu definierende Einbindung von AdressatInnen als Königsweg angesehen; in erster Linie solchen, die mit Kunst wenig am Hut haben und von dieser aktiviert werden sollen. Dass diesen heterogenen Kunstszenen etwas die Konturen fehlen, ist angesichts der schnellen Abfolge von Trends und dem Gebot, sich als KünstlerIn tunlichst nicht zu wiederholen, wenig überraschend und wird auch nicht als Nachteil angesehen. Im Gegenteil gelten in vielen Projekten zu Kunst und sozialer Praxis kunstimmanente Kriterien wie Mehrdeutigkeit, Verrätselung oder Subversion in Form des Eindringens in artfremde Reviere als Garanten dafür, weiterhin anerkannter Teil des Kunstsystems zu sein.

Forschungsprojekt Empowerment - Leitfaden für Fragen zu Kunst und soziale Praxis

Intern: Dieser Leitfaden dient dazu, Stellungnahmen von Akteuren aus diesem Feld für den „Empowerment-Koffer“ zu generieren, d.h. Tipps und Tricks, Erfahrungen über Erfolge und Misserfolge u.a.m., von denen andere gegebenenfalls lernen können. Antworten können in Form von Interviews (persönlich, via Email, Telefonat, Skype) oder in Form des Schreibens kürzerer Texte seitens der Kontaktierten erfolgen. Es geht nicht um das systematische Abarbeiten eines Leitfadens, dieser dient nur als Hilfestellung.
Bei Interviews das Gespräch mit Bezugnahme auf ein spezielles Projekt oder ansonsten auf die Biografie beginnen. Möglichst konkrete Antworten generieren, d.h. nicht bei allgemeinen oder theoretischen Erörterungen bleiben. Die Befragten sollen entlang der Themen/Überschriften wichtige Erfahrungen aus ihrer eigenen Praxis einbringen.

Was ist für Sie Kunst und soziale Praxis (und was nicht)? Welchen Stellenwert hat Kunst und soziale Praxis in Ihrer eigenen Arbeit?

  • Was bedeutet für Sie Kunst und soziale Praxis? Was gehört für Sie zu diesem Feld dazu und was nicht? Wie definieren Sie das für sich selbst, welche Begrifflichkeit verwenden Sie?
  • Welchen Stellenwert hat das „… und soziale Praxis“ tatsächlich in Ihrer Arbeit? Wie oft arbeiten Sie an solchen Projekten? Was motiviert Sie zu solchen Projekten, welche Ziele haben Sie dabei? (von politischen Idealen, über Neugier bis hin zu Fremdbeauftragung oder Ausübung eines „normalen“ Jobs)

Wie geht „Doing Empowerment“? Wann und wie funktioniert die Umsetzung von Projekten und woran können diese scheitern? Schildern Sie uns bitte praktische Erfahrungen aus Ihrer Arbeit.

  • Projektgenese: Wie kommen Sie zu Ihren Projekten im Feld „Kunst und soziale Praxis“? Wie aufwändig ist der Weg bis zur Umsetzung? Von wem werden die Projekte initiiert (Selbstbeauftragung vs. Beauftragung durch Dritte)? Und wie bzw. von wem werden sie finanziert?
  • Was sind typische Situationen und Gründe dafür, dass Projekte zu Kunst und sozialer Praxis zu scheitern drohen bzw. dann tatsächlich weniger bringen als erwartet? (von: weil es sich um Experiment handelt … bis zu: selbst verbockt wegen mangelnder Erfahrung usf.)
  • Welche personalen Voraussetzungen, Vorerfahrungen und (Mindest-)Kompetenzen sind entscheidend dafür, um mit Projekten in diesem Kunstfeld nicht zu scheitern?

(Beherrschung einer künstlerischen Technik, Kenntnis spezifischer Lebenswelten / Institutionen, Projektorganisation / Zeitplanung, Kommunikation mit Adressaten / Auftraggebern etc., Gefühl für Dynamiken in Projekten, PR-Kompetenzen / Öffentlichkeitsarbeit etc.)

    • Arbeit mit Zielgruppen: Die direkte Auseinandersetzung mit Menschen / Communities / Organisationen in einem bestimmten Kontext kann herausfordernd sein, weil Kunstschaffenden oft Irritation und Ablehnung entgegen gebracht wird. Welche Erfahrung haben Sie mit solchen Situationen, welche Lösungsstrategien? Ist das ein typischer Teil Ihrer Arbeit?
    • Umgang mit Institutionen / Auftraggebern: Um Wirkungen für/mit konkreten Adressaten zu erzielen, ist in vielen Fällen die Einbindung von Institutionen / öffentlichen Verwaltungen / zivilgesellschaftlichen Organisationen / Unternehmensleitungen u.a.m. notwendig. Wie leicht / schwierig ist der Umgang mit diesen Institutionen. Worauf ist dabei zu achten?

Was sind typische Wirkungen für die Adressaten von Projekten zu Kunst und sozialer Praxis? Wer zählt überhaupt zum Adressatenkreis Ihrer Arbeit?

  • Besonders dann, wenn es um bestimmte Adressaten / Zielgruppen geht, mit denen man arbeitet: Was muss gelungen sein, damit Sie von einem erfolgreichen Projekt sprechen? (Beispiele für Erfolg nennen, geg. auch Beispiele für Misserfolge)
  • Wer muss mit Ihrer Arbeit generell besonders zufrieden sein, auf wen ist sie ausgerichtet: Kunstöffentlichkeiten / Publikum; eine (politische) Öffentlichkeit; Auftraggeber; Zielgruppe mit der Sie arbeiten; Ihr eigenes Ego, Ihr Bankkonto. Anders formuliert: Was sind wichtige Erfolgskriterien, die für Ihre Arbeit entscheidend sind: Resonanz in der Kunstwelt (bei Publikum, Öffentlichkeit); Resonanz in der (politischen) Öffentlichkeit; Wirkungen für Adressaten/Zielgruppen von Projekten; Erzielung eines Einkommens (Beispiele)

Welche Strategien der Finanzierung gibt es in diesem Kunstfeld bzw. wie gut kann man/frau davon leben? Welche Strategien mit Stand- und Spielbeinen zur Einkommenssicherung haben Sie entwickelt?

  • Wie finanzieren Sie Ihre Arbeiten im Feld Kunst und soziale Praxis? Wie gut können Sie davon leben (von: aufgrund von Erfolg auf Jahre ausgebucht … bis zu Brotjob/Standbein als…)
  • Kann man/frau gleichsam durchgehend, d.h. „hauptberuflich“ Empowerment im Feld Kunst und soziale Praxis betreiben? Und wenn ja, ist das überhaupt wünschenswert (aufgrund geg. hoher persönlicher Belastung oder der abnehmenden Originalität/Qualität von Arbeiten, wenn die Durchführung zur Routine wird usf.)
Abschluss: Worauf kommt es bei Ihrer künstlerischen Arbeit besonders an? Können Sie uns einige noch nicht thematisierte Punkte nennen, die aus Ihrer Sicht für Arbeiten im Feld Kunst und soziale Praxis entscheidend sind?

Leitlinien für Aktivierungs-Projekte in sozial engagierten Kunst / Forschung — Einleitung

Der folgende Leitfaden richtet sich an all jene, die Initiativen in Feldern der sozial und / oder politisch engagierten Kunst [Forschung] planen, in denen Menschen oder Gruppen für einen bestimmten Zeitraum direkt ins Projekt eingebunden werden sollen. Wir meinen damit Projekte oder Projektteile, die als Aktion, Intervention, Performance oder z.B. als „Einbindung von Stakeholdern“ deklariert sind und in denen unmittelbar mit Menschen einer bestimmten Zielgruppe (inter-)agiert wird, z.B. mit benachteiligten gesellschaftlichen Gruppen. Auf Basis von Motiven wie Partizipation, Aktivierung oder Empowerment liegt das Ziel in vielen Fällen darin, den anvisierten Adressaten über die Vermittlung neuer Perspektiven und Ausdrucksformen erweiterte Möglichkeiten der sozialen Teilhabe zu geben. Gegenüber Aktivitäten, die sich darauf konzentrieren (beschränken), über einen Kreis von Adressaten oder für diese zu arbeiten (bzw. auch: gegen diese zu agieren), liegt die eigentliche Herausforderung vieler sozial engagierter Projekte darin, mit einer bestimmten Gruppe von Menschen in Verbindung zu treten und die Kontakte auch aufrecht zu erhalten.

Wer sich als KünstlerIn [ForscherIn] mit eigenen Projekten in die „gesellschaftliche Praxis“ vorwagt, sich also nicht auf die bekannten Spielregeln innerhalb des eigenen Feldes beschränkt, kommt zumeist nicht umhin, in direkten Kontakt mit Menschen außerhalb des eigenen Milieus zu treten; seien diese nun Bewohner eines Ortes, Mitglieder einer Organisation, Klienten einer Institution oder soziale (Rand-)Gruppen. Solche Kontakte verlaufen selten konfliktfrei. Mit diesem Leitfaden – der keineswegs vollständig ist und z.B. durch Kommentare und neue Beiträge verbessert werden soll – wollen wir darauf hinweisen, dass die direkte Auseinandersetzung mit oftmals unbekannten Menschen, Gruppen und Institutionen etwas anderes ist als die Untersuchung und Abbildung der Lebenspraxen dieser „Anderen“; dasselbe gilt im Übrigen auch für die Kritik der jeweiligen Praxis oder Institutionen aus einer außen stehenden Position. Die Hinweise im Anschluss sind keine in Stein gemeißelte Prinzipien, sondern lediglich wiederkehrende Kristallisationspunkte, die in Praxis von engagierter Kunst [Forschung] zu bewältigen sind.

Arbeiten mit beteiligten Zielgruppen / Adressaten

Baue ein Vertrauensverhältnis zu Akteuren deiner Zielgruppe auf. Bedenke, dass das viel Zeit in Anspruch nimmt. Beginne deswegen frühzeitig damit, Kontakte zu knüpfen und dich im Feld umzuschauen – auch dann, wenn die Konturen deines Vorhabens noch gar nicht genau feststehen. Und ziehe in Betracht, dass sich die von dir anvisierten „Beteiligten“ zumindest in der Anfangsphase nicht für deine Arbeit interessieren werden. Besonders im Fall einer „Selbstbeauftragung“ gilt: Niemand hat darauf gewartet, dass du – als KünstlerIn [ForscherIn] – endlich kommst und ihn/sie mit deiner Arbeit aktivierst!

Arbeite soweit möglich mit den Akteuren deiner Zielgruppe, nicht nur für oder über sie. Motiviere die Personen deines Adressatenkreises beispielsweise im Rahmen konkreter Anlässe / Settings, ihr „Eigenes“ einzubringen, wenn du sie für dein Projekt interessieren willst. Die ehrliche Neugier, die dich hoffentlich in dein Feld geführt hat, funktioniert zumeist recht gut.

Achte darauf, dass sich jene Menschen, die du zuvor motiviert hast, an deinem Projekt teilzunehmen, das auch tatsächlich tun können, dass es also eine Art „Verhandlungsraum“ gibt. Schaffe dafür Gelegenheiten und einen Rahmen mit wiederkehrenden Ritualen, z.B. regelmäßige Treffen an einem ausgewählten Ort. Denn wer sich „im Rahmen“ deines Projektes zu einem bestimmten Thema einbringen oder ausprobieren möchte, handelt in der Regel außerhalb des alltäglichen Aktionsradius. Das verlangt von vielen mehr Mut, als du vielleicht glaubst. Niederschwellig eingerichtete Strukturen können hier ungemein hilfreich sein.

Bevormunde beteiligte Akteure nicht, vermeide paternalistische Haltungen – auch wenn der Anspruch, mit Beteiligten auf „gleicher Augenhöhe“ zu agieren, eigentlich paradox ist. Denn du hast das Projekt ja entwickelt und du führst es durch. (Beim Verfassen dieses Textes ist es nicht anders: einerseits Rat-Schläge, andererseits auf gleicher Augenhöhe … da muss man/frau einfach durch.)

Biete deiner Zielgruppe nicht mehr Unterstützung an als notwendig, denn andernfalls affirmierst du deren Status als „Hilfsbedürftige“ oder gar als „Opfer“, z.B. im Fall von sozialen Randgruppen. Auch deshalb solltest du im Vorhinein genau wissen, mit wem du es zu tun hast, über welche und wie viele Ressourcen / Kompetenzen Akteure der Zielgruppe ohnehin verfügen; und was deren Bedürfnisse sind. In diesem Zusammenhang gilt auch: Mache den Beteiligten deines Projektes keine unrealistischen Hoffnungen, z.B. infolge der Mitwirkung an einem Kunstprojekt selbst KünstlerIn zu werden. Solche Beispiele gibt es wohl, sie sind aber die große Ausnahme.

 

Arbeiten mit dem institutionellen Umfeld („Stakeholder“)

Wenn du mit einer bestimmten Zielgruppe arbeitest, versuche, zumindest die wichtigsten Player und Institutionen im Umfeld dieses speziellen Adressatenkreises ausfindig zu machen und einzubinden. Im positiven Sinn: Finde Verbündete! Im negativen Sinn: Nicht nur hierzulande finden z.B. einschlägige Institutionen erstaunlich viele Wege, um dich mit deinem Projekt „im Kreis herum zu schicken“, wenn du sie nicht über dein Vorhaben informierst. Mehr verlangen sie oft ohnehin nicht.

Auch wenn du dich quasi selbst beauftragt hast, wird es „Stakeholder“, also Interessierte geben, die dir das Leben leichter oder schwerer machen könnten: Menschen aus Institutionen, Behörden, eventuell das politische Umfeld, Anrainer u.a.m. All diese Leute können auch ein interessiertes Publikum darstellen. Es ist überhaupt nicht schädlich, sich in der Planungsphase eine ungefähre Übersicht über potenzielle StakeholderInnen und deren wahrscheinliche Interessen zu verschaffen.

Meist gibt es „TüröffnerInnen“, die dir den Zugang ins Feld und die ersten Kontakte verschaffen. Wenn deine Zielgruppe zum Teil institutionell betreut oder vertreten wird, sind das oft professionelle BetreuerInnen: LehrerInnen, SozialarbeiterInnen, Vorgesetzte, LokalpolitikerInnen, UnternehmerInnen, Betriebsräte, Mieterbeiräte u.a.m. Aber auch im freien Raum (z.B. Jugendliche im Park) finden sich InformantInnen und VermittlerInnen. Oftmals wissen sie viel und sind enorm hilfreich. TüröffnerInnen haben ihre eigenen Interessen, und das ist auch okay so. (Das haben deine Zielgruppen natürlich auch.). Es geht ihnen um Reputation, Arbeitserleichterung, Möglichkeiten etwas Interessantes zu tun, ein ruhiges Leben zu haben usf. … Das musst du gar nicht bewerten, aber du kannst es nutzen.

Sofern es in deinem Projekt AuftraggeberInnen / Sponsoren oder anderweitig beteiligte Institutionen gibt, kläre am Beginn deiner Arbeit soweit möglich / bekannt die relevanten Rahmenbedingungen ab (Rechte, Pflichten, Bezahlung, Verwertung usf.). Die Hoffnung, dass sich aufgrund der guten Stimmung am Beginn offene Punkte später schon klären lassen würden, ist oft trügerisch. Im Gegenteil: weil z.B. engagierte Projekte im Kontakt mit „Stakeholdern“ selten völlig konfliktfrei ablaufen, sind anfangs nicht geregelte Fragen später ein willkommener Anlass, dich und dein Projekt wieder loszuwerden.

Achte insbesondere dann, wenn du mit Unternehmen / professionellen Organisationen arbeitest, auf eine Dotierung deiner Arbeit. Nicht alle, aber die meisten ProjektemacherInnen präferieren verständlicherweise eine finanzielle Abgeltung. Aber auch Zusagen für Sachspenden, Zugang zu Zielgruppen, Gelegenheiten für Präsentationen bis hin zur Verleihung von Auszeichnungen (Corporate Social Responsibility…) u.a.m. haben einen realen und außerdem einen symbolischen Wert. Warum das wichtig ist? Insbesondere in den meisten Unternehmen gilt weiterhin der Grundsatz: „Was nichts kostet, ist nichts wert!“ Dementsprechend gering ist dann die Unterstützung der Verantwortlichen gegenüber deinem Projekt und du scheiterst nicht so sehr am aktiven Widerstand, sondern am Desinteresse. Das bedeutet auch: frühzeitig und eigeninitiativ die Verantwortlichen einbinden (das sind oft die Chefitäten der TüröffnerInnen). Achte darauf, dass der einmal aufgebaute Kontakt nicht abbricht. Mit der Häufigkeit von Treffen musst du es dagegen nicht übertreiben, so viel Zeit für dich haben die „Wichtigen“ dieser Welt ohnehin nicht.

 

Arbeiten mit Medien, um allenfalls Resonanz in der Fachöffentlichkeit zu finden

Dass es den meisten ProjektemacherInnen wichtig ist, in der Fachöffentlichkeit eine Resonanz für ihre Arbeit zu finden, ist niemandem zu verübeln. Das auch wirklich zu erreichen, ist ohnehin schwierig genug. Ob, wie und in welchem Ausmaß du PR für dein Projekt machen willst, musst du schon selbst wissen. Wichtig ist, dass du den Aufwand dafür nicht übertreibst, denn Berichterstattung über dein Projekt sollte eine nette Begleiterscheinung sein (egal, ob die Resonanz wohlwollend oder kritisch ausfällt), aber nicht der vorrangige Zweck deiner Arbeit. Es sei denn, du agierst als „Kommunikations-Guerilla“, um Institutionen über provokante Aktionen zu kritisieren. Dann allerdings sind die bislang genannten Punkte im Handlungsmodus, „mit Beteiligten“ ohnehin weniger zentral.

Aus der Sicht von Medien besteht deine Zielgruppe in der Regel aus „Laien“. Achte daher auf einen respektvollen Umgang von MedienvertreterInnen mit jenen Menschen, die konkret an deinem Projekt beteiligt sind, etwa im Rahmen von Interviews. Akzeptiere aber gleichzeitig, dass du die medial verarbeiteten O-Töne und Wortspenden nur sehr eingeschränkt kontrollieren kannst. Es geht also darum, den Menschen rund um dein Projekt verständlich zu machen, dass der Besuch von Journalisten durchaus willkommen ist, aber nicht der Höhepunkt des Projekts sein sollte. Und dass sie danach auf dem Boden bleiben sollten.

Führe die Zielgruppe, mit der du arbeitest, nicht vor; und instrumentalisiere Menschen nicht als StellvertreterInnen für (deine eigenen) politischen Botschaften. Insbesondere im Umgang mit gesellschaftlichen Randgruppen kommst du leicht in das Fahrwasser, der (Medien-)Öffentlichkeit eine wie auch immer definierte Gruppe von „Opfern“ zu präsentieren. Und dies auch und gerade dann, wenn du viel unternimmst, um die inhaltlichen Aktivitäten ins Zentrum zu stellen und nicht etwa die Merkmale einer Gruppe oder von Einzelnen. Denn möglichst plakativer „Sozialvoyeurismus“  ist für viele Medienformate ein gefundenes Fressen. Z.B. wollen JournalistInnen gerne Personen und deren (Leidens-)Geschichten vorstellen – und erst in zweiter Linie dein hoffentlich ambitioniertes Projekt. Zumeist ist damit weder deinen AdressatInnen noch deinem Projekt wirklich gedient.

 

Prozessdynamiken in „engagierten“ Projekten

Natürlich brauchst du eine gute Idee und einen Plan, was dein Projekt sein soll und wie es zu verwirklichen ist, um etwas anbieten und darüber reden zu können. Eine perfekt ausgearbeitete Idee kann hingegen eher hinderlich sein, wenn es zu wenig Raum für die „Anderen“ zum Mitreden und Mitgestalten gibt. Du brauchst also eine gut vermittelbare Idee – und zugleich die Bereitschaft, diese umzubauen, Anregungen aufzugreifen, auf neue Chancen und Kontakte zu reagieren.

Plane ein mögliches Scheitern deiner Projektziele mit ein und lerne gegebenenfalls daraus. Projekte mit Aktivierungs-Anspruch können gar nicht perfekt sein, denn ein noch besserer Output (bei mehr Zeit und finanziellen Ressourcen etc.) ist fast immer möglich. Und du kannst es (fast nie) allen recht machen, denn das Aufspüren von Konfliktzonen ist ja häufig elementarer Bestandteil eines Projekts. Zu viel Harmonie ist ohnehin ungesund. Finde einen Pfad zwischen der Ambition, die dich antreibt und das Vorhaben attraktiv macht, und der Bescheidenheit, das Projekt an die vorhandenen Ressourcen, Kapazitäten der Beteiligten und an Unvorhergesehenes anzupassen.

Achte auf die Prozessdynamik in deinem Projekt, d.h. auf die häufig unausgesprochen bleibenden Reaktionen der Beteiligten im Umfeld. Entwickle Szenarien entlang von „Kippunkten“ wie etwa: „das Projekt kommt nicht vom Fleck“, „das Projekt stürzt ab“, „das Projekt hebt ab“. Dies deshalb, um ein Gespür dafür zu haben, bis wann du spätestens reagieren musst bzw. kannst. Sichere dir das Gesicht wahrende Exit-Optionen, um ein mäßig laufendes Projekt nicht sinnlos in die Länge zu ziehen.

Im Feld Kunst und soziale Praxis meint z.B. Wirksamkeit (oder „Nachhaltigkeit“) von Projekten häufig die spätere Verankerung in Form irgendeiner Institutionalisierung, z.B. über die Gründung eines Trägervereins oder die kontinuierliche Nutzung von Räumlichkeiten u.a.m. Allerdings haben die meisten Projekte einen Beginn und ein Ende, sind als Unikate oder als Tropfen auf den heißen Stein angelegt, ohne danach in irgendwelche Strukturen eingebettet zu werden. Deshalb nennt man sie auch Projekt. Die Überfrachtung mit Ansprüchen zieht oft mehr Energie ab als sie zuführt. Vor allem aber: Die Durchführenden (also du) sind längst auf Formen der temporären Projektarbeit spezialisiert, dasselbe gilt jene „Beteiligten“, die daran mitwirken! Man/frau will ja demnächst auch wieder etwas anderes tun!

Baue einen „würdigen“ Abschluss in dein Projekt ein! Achte darauf, nicht nur Energie darauf zu verwenden, deine Zielgruppen zu erreichen und inhaltliche Aktivitäten zu setzen oder Diskussionen anzuzetteln. Vergiss jedenfalls nicht darauf, einen geeigneten Abschluss einzuplanen (sofern es sich nicht um eine einmalige Intervention handelt): ein Event mit einer Präsentation, Diskussionsrunde, mit Möglichkeiten für informellen Austausch danach u.a.m. Neben der Aufgabe, die gesammelten Eindrücke auf einer inhaltlichen Ebene zu vermitteln, wird durch einen Abschlussevent ein symbolischer Akt gesetzt, nämlich die Rückübertragung der Verantwortung an deine Zielgruppe. Für dich selbst ist dieser Moment das Signal, von diesem Projekt loszulassen. Bedenke außerdem: ein klar kommuniziertes Ende ist von den intensiver Beteiligten nicht zu übersehen. Das ist wichtig, denn nichts irritiert Mitwirkende mehr, als das Gefühl zu haben, nach dem Aufbringen von viel eigenem Engagement irgendwo am Weg zurückgelassen zu werden, frei nach dem Motto: „Schenken und wieder holen ist wie gestohlen“. Ideal wäre es natürlich, aus deinem Adressatenkreis einige Menschen zu finden, die mit euren Ergebnissen weiterarbeiten können und wollen. Allerdings ist das leichter gesagt als getan.

Bedenke, dass du als (Mit-)Erfinder deines Projekts auch eine Verantwortung gegenüber allen Mitwirkenden hast. Und als je geschickter du dich erweist, umso mehr vertraut man/frau darauf, dass du das Ding schon irgendwie schaukeln wirst. Die Arbeit bleibt also bei dir hängen. Stelle dich darauf ein, dass die manchmal leidvolle Erfahrung auch für dein Projektumfeld gilt: „TEAM = toll, ein anderer macht‘s!“.

Apropos: Auch gelungene Projekte mit Aktivierungsanteilen haben so ihre Tücken. Hier gibt es ein Dilemma, insbesondere dann, wenn du mehrere Projekte parallel oder nacheinander verfolgst oder vom Aktivierungs-Job leben musst: Wenn es gut läuft, wirst du schnell als „ExpertIn“ für bestimmte Formate oder Zielgruppen wahrgenommen. Das macht Folgeprojekte vermutlich leichter, kann aber auch zur „Kompetenzfalle“ werden, die dich behindert, wenn du dich für etwas Neues interessierst. Du kommst also gerade dann nicht leicht von deiner Baustelle runter, wenn du vieles richtig gemacht hast!

Und nun zu Dir selbst

Überprüfe (immer wieder) deine Motive, andere bzw. einen bestimmten Adressatenkreis aktivieren / unterstützen / irritieren etc. zu wollen. Einerseits für dich selbst, darüber hinaus auch deshalb, um dich und dein Vorhaben in den entscheidenden Situationen erklären zu können: Ist dir im Zweifelsfall die Reputation im Kunstbetrieb [Forschungsbetrieb] oder der Output für deine Adressaten wichtiger? Was sagt dir der Begriff „Helfersyndrom“? Wie ist deine Arbeit im Projekt finanziert? Wenn der Eindruck entsteht, dass du deine Beweggründe verbirgst und noch eine „heimliche Agenda“ dahinter steht (auch wenn du das überhaupt nicht so siehst), ist Misstrauen schwer abzubauen. Deklariere dich also bei Bedarf mitsamt deinen Zielen, anstatt (d)eine Position zu verbergen, von der du vermutest, dass deine Adressaten sie nicht schätzen!

Abgesehen von Fachkenntnissen und Kontaktfreudigkeit solltest du für Empowerment-Projekte viel Wissen über „fremde“ soziale Milieus mitbringen, in denen deine Meinungen nicht unbedingt geteilt werden. Das schützt dich davor, dich als Nabel der Welt zu sehen. Wenn du in deinem eigenen Umfeld (sowohl beruflich als auch privat) nicht ein Mindestmaß an regelmäßigen Kontakten zu Personen aus anderen Milieus pflegst, d.h. wenn deine Bekannten weit überwiegend in einem bestimmten [künstlerischen, wissenschaftlichen, weltanschaulichen etc.] Biotop leben, dann tust du gut daran, in deinem angestammten Feld als KünstlerIn [ForscherIn] zu bleiben. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit besonders hoch, dass sich deine Theorien über die Zielgruppe grundlegend von deren Selbstwahrnehmung unterscheiden. Die Hauptverantwortung für die ohnehin aufwändige Aktivierungs-Arbeit sollten dann KollegInnen mit mehr Erfahrung übernehmen. Du kannst diese ja dennoch unterstützen und auf diesem Weg Erfahrungen sammeln.

Ganz allgemein ist Austausch mit KollegInnen wichtig, die Ähnliches oder auch ganz Anderes machen. Auch und gerade dann, wenn es nicht ideal läuft: oft hilft es, zu erfahren, dass es anderen nicht anders geht! Und dass fast alle nur „mit Wasser kochen“, die echten Genies also sehr selten sind. Und du bekommst Anregungen für Alternativen, Umwege oder Lösungen.

Abschließend: Achte auf ein breiteres Portfolio an Aktivitäten, d.h. mach auch anderes als „engagierte“ Projekte. Mach dich nicht davon abhängig, andere im Rahmen von engagierter Kunst [Forschung] zu „bemuttern“. Agiere dagegen so, dass du in unterschiedlichen (beruflichen) Rollen auftreten kannst und betrachte Projekte mit Aktivierungs-Anspruch als temporäre oder Teilzeit-Aufgaben. Das schützt dich einerseits vor dem Burnout und andererseits davor, finanziell auszubluten. Außerdem werden es dir die Adressaten deiner Arbeit danken, denn deine Projekte werden besser, wenn du dich NICHT obsessiv und rund um die Uhr damit beschäftigst.